Chronik: Das Schullandheim auf dem Bauersberg

Der „Schweinfurter Berg in der Rhön“
von Jörg Nellen

Der Kreuzberg in der Rhön ist der Berg der Franken, doch der Bauersberg ist der Berg der Schweinfurter. Denn seit 1951 ist praktisch jeder Schweinfurter Jugendliche einmal im Schullandheim auf dem Bauersberg gewesen. Zu danken ist das einer kongenialen Kombination von finanzieller Förderung der Stadt und der pädagogischen Vision der Schullandheimbewegung.

Vom Reichsarbeitsdienstlager zum Jugendheim

In einem weiten Bogen der Hochrhönstraße gelegen, befindet sich in den 1930er Jahren ein Reichsarbeitsdienstlager für die Straßenbauer dort, wo später das Schullandheim Bauersberg entstehen soll. Nach 1945 nehmen die RAD-Baracken Flüchtlinge auf. Schließlich müssen die Gebäude abgerissen werden.
1951 beginnt die Schweinfurter Geschichte auf dem Bauersberg: Der Stadt wird von der Gemeinde Bischofsheim das Grundstück unentgeltlich zur Verfügung gestellt und ein Versorgungsgebäude errichtet für die nunmehr in den Sommermonaten stattfindenden Zeltlager für Jungen und Mädchen. Das Haus wird bis 1997 auch als Jugendherberge genutzt: Deutschland und die Welt trifft sich auf dem Bauersberg:

„Die Mädchen erlebten das bunte Leben, das Aus- und Eingehen in einer Jugendherberge, wir sprachen mit einem Griechen, mit Däninnen, mit einer Finnin, mit Berlinern, Stuttgartern, usw.“

Die Sommer-Zeltlager zog regelmäßig 50 bis 80 Kinder und Jugendliche an, die zwei Wochen aus der Stadt in die Rhön kamen. „Das hat Eindruck gemacht und sogar das Urlaubsverhalten geändert,“ ist sich der Vorsitzende des Schullandheimwerkes Unterfranken (SWU), Rudolf Gampl sicher. Die Nutzung als Zeltlager und als Jugendherberge macht 1954 den Um- und Ausbau des Hauptgebäudes notwendig, das sich äußerlich bis heute so erhalten hat. Im Jahr 2008 hatte das Sommerzeltlager, das vom Stadtjugendring ausgerichtet wird, in zwei Durchgängen über 70 Jugendliche begeistert.

Das Hauptgebäude des Schullandheimes Bauersberg Mitte der 1950er Jahre.

Fachberater für Schullandheimaufenthalte

Ab 1956 fuhren jährlich regelmäßig zehn bis 15 Schweinfurter Schulklassen vor allem der Oberstufen der Gymnasien zwei Wochen lang in die Jugendherberge in der Rhön. Die Schullandheimidee war durch den Schweinfurter Lehrer Wilhelm Krackhardt, den Stadtschulrat Heinrich Huber und interessierte Lehrer seit 1953 vorangetrieben worden. Krackhardt war schon 1934 als erster Unterfranke mit einer Klasse ins Schullandheim gefahren. Er war von der Schullandheimidee der „Erziehung in der Natur durch die Natur“ fest überzeugt. Sein Engagement mündete 1961 in der Einrichtung der Stelle eines „Fachberaters für Schullandheimaufenthalte und Schulwandern“ beim Stadtschulamt Schweinfurt. Dessen Aufgabengebiet umfasste unter anderem:

  1. Weckung des Verständnisses für den pädagogischen Wert des Schullandheimes
  2. Einarbeitung der Lehrkräfte
  3. Organisation der jährlichen Durchgänge
  4. Verhandlungen mit dem Heimleiter
  5. Intensivierung der Unterrichtsmittel
  6. Auswertung der Lehrerberichte
  7. Vorschläge für die Vermehrung der Aufenthalte
  8. Vorarbeiten für die Erstellung eines eigenen Schullandheimes und die Gründung eines Schullandheimvereines

Erster Fachberater wurde Artur Höhl, der 1955 erstmals mit einer Volksschulklasse ein Skilager auf dem Bauersberg durchgeführt hatte:

„Diese Woche bewies mir erneut, welchen erziehlichen Wert ein solcher Aufenthalt in sich trägt. Die Klasse kann zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen, das mitmenschliche Verhalten, von dem wir im Unterricht so viel reden, das Benehmen bei Tisch, das tägliche Reinigen des Körpers, der Kleidung, der Unterkunft, usw. usw. können überwacht und geübt werden.“

Artur Höhl, der erste Fachberater für Schullandheimaufenthalte und Schulwandern der Stadt Schweinfurt, ca. 1961

Die Stadt Schweinfurt fördert von Anfang an

Mit der Einrichtung der Fachberater-Stelle und der Übernahme eines Drittels der Aufenthalts- und Fahrtkosten (bis 1993) zeigte sich die Stadt Schweinfurt in ihrem Engagement seit Mitte der 1950er Jahre wegweisend für die Entwicklung des Schullandheimgedankens. Sie errichtete 1957 zudem ein Sanitärgebäude neben dem Zeltplatz, ein Gebäude mit Wasch- und Duschräumen, Toiletten, Krankenzimmer und einem Aufenthaltsraum für kalte und regnerische Tage. Die Unterbringung dort war allerdings lange provisorisch und mit Problemen behaftet:

„Im Namen aller Schullandheimfreunde, die teilweise schon jahrelang das Provisorium Bauersberg (in Bezug auf das Schullandheim) ertragen, bitte ich Herrn Stadtschulrat, bei der Stadt offiziell den Antrag auf Ausbau des Nebenhauses zu einem modernen Schullandheim für zwei Klassen zu stellen.“

Zu dem später „Haus Kreuzberg“ genannten Gebäude kam 1985 der Neubau des „Haus Arnsberg“, sodass mit dem Haupthaus „Heidelstein“ heute drei Gebäude für drei Klassen mit 100 Betten zur Verfügung stehen. Bis heute finanziert die Stadt Schweinfurt die große Baulast.

Lageplan Bauersberg heute

Der Oberbürgermeister der Stadt Schweinfurt, Georg Wichtermann (1956-1974), machte sich persönlich ein Bild von der Schullandheimarbeit auf dem Bauersberg:

„ ,Monika, komm schnell, wir haben hohen Besuch!’ ... Schnell sprang ich von meinem Bett auf und raste hinunter in den Gemeinschaftsraum. ... Mitten in der Mädchenschar standen Herr Stadtschulrat Huber, Herr Oberbürgermeister Georg Wichtermann und seine Frau.“

Das Schullandheimwerk Unterfranken als Betreiber

Wichtermann betonte auch seine Unterstützung, als 1972 in Schweinfurt mit Hilfe des Landesverbandes der Bayerischen Schullandheime das Schullandheimwerk Unterfranken (SWU) in Schweinfurt gegründet wurde.

Unter seinem ersten Vorsitzenden, Stadtschulrat Heinrich Huber, wurde im die Schullandheimidee betreffenden „Entwicklungsland“ Unterfranken diese Idee gezielt weiter getragen und der Bauersberg zu einem Flagschiff ausgebaut. Wie beliebt die Schullandheimidee war, zeigte die Teilnahme an der ersten Schulsammlung von 45% der Volksschulen in Unterfranken im Jahre 1973 (2008: 52% aller Schulen), mit Sammelergebnissen, die eine wichtige Säule des Haushaltes des SWU sind. (1973: 93.573 DM / 47.850 €; 2008: 105.123 €).

Seit 1972 stieg die Belegung des Bauersberg von Jahr zu Jahr und Schulklassen aus Unterfranken lasteten das Haupt- und Nebengebäude fast das ganze Jahr aus.

Der Wirtschaftsbetrieb ist 1997 ganz vom SWU übernommen worden, nachdem sich schon 1993 die Stadt und das SWU in einem Nutzungsvertrag mit 25 Jahren Laufzeit Planungssicherheit geschaffen hatten. Damit begann die
Schullandheim-Epoche, in der sich in der Schulzeit vor allem Klassen auf dem Bauersberg aufhielten. In den Ferien standen die Gebäude als Jugendherberge des Deutschen Jugendherbergswerkes durchreisenden jungen Einzelgästen zur Verfügung. Mit der Auflösung der Jugendherbergsfunktion des Bauersberges 1997 wurde das ehemalige „Jugendheim“ der Stadt zu einem der acht unterfränkischen Schullandheime in der alleinigen wirtschaftlichen Verantwortung des SWU und steht seitdem Klassen als Lern- und Arbeitsort zur Verfügung.

Schullandheimpädagogik – Zentrum auf dem Bauersberg

Am Beispiel des Schullandheimes auf dem Bauersberg lässt sich die Entwicklung der Schullandheimpädagogik in Bayern ablesen. Seit 1929 fuhren unterfränkische Lehrer nach Nürnberger und Münchner Vorbildern mit ihren Volksschulklassen in das erste bayerische Schullandheim auf die Wülzburg bei Weißenburg, aber auch in den Spessart. Wandern, Sport, Pflege des Gemeinschaftslebens und Unterricht draußen in der Natur waren das Ziel:

„Vormittags haben wir im Freien Unterricht. Schnell vergeht die Zeit. Nachmittags dürfen wir malen und zeichnen. [Wir] malen den Schlossbau der Wülzburg.“

1973 gab das SWU eine Handreichung „Schullandheimarbeit heute“ heraus mit dem Ziel, Informationen über „Sinn und Zweck, Vorbereitung und Durchführung von Schullandheimaufenthalten“ zu vermitteln:

„Unsere Kinder und Jugendlichen erwandern mit ihren Lehrern und Betreuern von diesem herrlichen Ort aus das Gebiet um Bischofsheim, Kreuzberg, Heidelstein und Wasserkuppe und lernen Land und Leute kennen.“

Aus der Erkenntnis, dass sich Schullandheimpädagogik - auf eine wissenschaftliche Basis gestellt - an Volksschülerinnen und –schüler und darüber hinaus an alle Schülerschaft aller weiterführenden Schulen wenden muss, wurde 1995 das Studienhaus Geographie in der ehemaligen Heimleiterwohnung eingerichtet. Möglich wurde das durch die enge Kooperation des Schullandheimwerkes Unterfranken mit dem Lehrstuhl für die Didaktik der Geographie an der Julius-Maximilians-Universität, Würzburg. Die Ziele die zwischen dem Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Dieter Böhn und dem damaligen Vorsitzenden des SWU, Rudolf Suttner, vereinbart wurden, sollten den Schullandheimaufenthalt pädagogisch professionalisieren. Dazu zählte eine thematische Schwerpunktsetzung für jedes SWU-Schullandheim in Unterfranken. Auf dem Bauersberg bot sich der Schwerpunkt Geographie / Geologie an. Moderne handlungsorientierte Unterrichtsformen wie Experimente und Projektarbeit sollten durch Ideen, Material, und Unterrichts- und Praxisräume ermöglicht werden. Unter der Leitung von Dr. Peter Pfriem, ab  1999 von Dr. Ruth Klawitter, erarbeiteten Lehrkräfte und Studierende der Universität Würzburg ein breites, thematisch gegliedertes pädagogisches Angebot. Damit sollte auch rückläufigen Belegungszahlen entgegengewirkt und neues Klientel aus den Grundschulen und den weiterführenden Schulen gewonnnen werden. Zudem bot sich den Studierenden eine faszinierende Möglichkeit praktisch zu arbeiten.

In Gruppenarbeit wird ein geologisches Profil als Anschauungsmodell für die Entstehung und den Aufbau der Rhön selbstständig hergestellt.

Im Jahr 2008 wurde unter der Schirmherrschaft des Regierungspräsidenten Dr. Paul Beinhofer die Wasserschule Unterfranken auf dem Bauersberg eröffnet. Sie ist aus einer Kooperation der Aktion Grundwasserschutz der Regierung von Unterfranken mit dem SWU entstanden. Kinder und Jugendliche werden in Projekten, Experimenten und Forschungsaufträgen für die Bedeutung des Wassers sensibilisiert und lernen mit Wasser achtsam umzugehen.

Welche Bodenart kann besser Wasser speichern - Waldboden oder Ackerboden?
Bei diesem Versuch geht es um die Ermittlung der Wassermenge, die von verschiedenen Böden gespeichert wird.

Die beiden Studienschwerpunkte des Schullandheimes Bauersberg werden seit 2008 von der Diplomgeografin Nicole Hofmann hauptamtlich geleitet und durch eine Stelle im Rahmen des Freiwilligen ökologischen Jahres unterstützt.

Heute ist das Schullandheim Bauersberg ein Ort, an dem Schülerinnen und Schüler an einem außerschulischen Lernort die unmittelbare Begegnung mit ihrem Forschungsgegenstand erfahren können.

Sie lernen ihre Heimat kennen und schätzen, können sich mit ihren Problemen auseinandersetzen und üben ihre sozialen, persönlichen, methodischen und fachlichen Kompetenzen intensiv und vernetzt ein.

„Die Faszination Bauersberg liegt in der Chance, außerhalb der traditionellen Halbtagsschule ein intensives gemeinschaftliches Lernerlebnis zu erfahren,“ sagt der derzeitige Vorsitzende des Schullandheimwerkes
Unterfranken, Rudolf Gampl.

Der Bauersberg ist und bleibt ein Berg der Jugend in der Rhön.

(Stand: 17.03.2009)

Download: Chronik - Das Schullandheim auf dem Bauersberg

application/pdf Bauersberg_Chronik.pdf (436,2 KiB)

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